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Interview mit dem Rechnitzer Bürgermeister

by - Mai 4, 2010

Es ist 10:33 Uhr morgens. Wie vereinbart rufe ich den Bürgermeister von Rechnitz, Herrn Engelbert Kenyeri  (SPÖ), an. Beim zweiten Versuch erreiche ich ihn. Er hebt ab und wünscht mir mit seinem freundlichen südburgenländischen Akzent einen guten Morgen. Nervös, es ist schließlich mein erstes Interview, lege ich meine Fragen bereit und beginne. Das viertelstündige Gespräch verläuft angenehm und ist sehr aufschlussreich. Sind die „ach so verschwiegenen Rechnitzer“ vielleicht doch nicht so stumm, wie wir dachten?

Bevor ich die erste Frage stelle, erkläre ich Herrn Kenyeri, dass ich die Gemeinde keineswegs verurteilen oder beschuldigen möchte: „Wenn ich mich also in der Wortwahl vergreife, dann weisen Sie mich bitte darauf hin. Ich werde dann versuchen, die Frage umzuformulieren.“

Bianca: Guten Morgen, Herr Kenyeri!

Engelbert Kenyeri: Ebenfalls einen guten Morgen.

B.: Sind Sie ein gebürtiger Rechnitzer?

E.K.: Ja, ich bin hier geboren, das ist schon immer meine Gemeinde.

B.: Gut. Das heißt wohl, dass Ihnen die Geschehnisse in der Märznacht 1945 schon lange bekannt sind? Wann haben Sie denn zum ersten Mal davon erfahren?

E.K.: Da muss ich einen Moment nachdenken, das ist schon lange her, ich weiß nicht mehr genau… (er denkt nach) Ich glaube, ich habe in der Schule das erste Mal davon gehört. Ich hatte einen Schuldirektor, der uns da viel davon erzählt hat. Aber wissen Sie, da muss man sich auch dafür interessieren, das ist nicht so wie bei euch in der Schule, wo ihr sowas auch wirklich lernt. Wenn jemand das Interesse für dieses Thema nicht hat, dann  bekommt er das auch nicht mit.

B.: Ich habe auch gelesen, dass Sie immer bei den jährlichen Gedenkfeiern (Anm: von dem Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiativen-Verein RE.F.U.G.I.U.S.  organisiert) dabei sind. Ist es Ihr persönliches Anliegen, dass dieser Teil der Geschichte aufgearbeitet wird, oder nehmen Sie ausschließlich als Repräsentant der Gemeinde daran teil?

E.K.: Nein, das ist schon eine persönliche Geschichte. Ich meine, da muss man auch dazu stehen. Da kann man nicht einfach nur hingehen, weil man die Funktion des Bürgermeisters hat und das dazu gehört. Das war schon vorher mein Anliegen. Das ist mir schon sehr wichtig.

B.: Ihre Gemeinde ist ja derzeit weltweit in aller Munde. Sogar das Süddeutsche Magazin berichtet über das „Schweigen in Rechnitz“. Heutzutage gilt oft: „Wenn man Rechnitz sagt, dann meint man Verdrängen“. Inwiefern trifft denn, Ihrer Meinung nach, dieses wenig positive Image auf die Bevölkerung in Rechnitz zu?

E.K.: Ich denke, der Film (Anm: „Totschweigen“, 1994, von Margareta Heinrich und Eduard Erne) ist die eine Seite, wo die Filmemacher ihre Sichtweise recht drastisch darstellen. Ich kenne auch die meisten anderen Artikel über Rechnitz, und auch wenn die Reporter hier waren, wurde oft nicht gut recherchiert und eine vorgefasste Meinung weiterverbreitet. Das ist eigentlich das Problem mit der ganzen Mediengesellschaft, dass man immer das schreibt, was alle anderen auch schreiben, und selber kaum recherchiert.

B.: Ihrer Meinung nach gibt es also zwei Seiten? Denken Sie nicht, dass es ein gewisses Schweigen in Rechnitz gibt?

E.K.: Naja, man muss ja eines bedenken: Alle Informationen, die im Film, in Litchfields Buch (Anm: „The Thyssen Art Macabre“ von David R Litchfield) und in den Artikeln vorkommen, die kommen eigentlich alle aus der Feder von Professor Hotwagner (Anm: Dr. Josef Hotwagner, Historiker in Rechnitz), der das alles vor Ort recherchiert hat. Die Informationen, soweit sie aufdeckbar und vorhanden sind, kommen also sehr wohl aus unserer Gemeinde.

B.: Wie wollen Sie dem schlechten Image der Gemeinde ein Ende setzen?

E.K.: Ich denke, genauso, wie man Geschichte nicht beeinflussen oder wegdiskutieren kann, kann man ein Image, das man bekommen hat, nicht so einfach beeinflussen. So funktioniert das, glaube ich, nicht.

B.: Verstehe. Eine andere Frage, Herr Kenyeri. Ich habe gelesen, dass Sie Mitglied der SPÖ sind, und frage mich nun, ob Ihre politische Einstellung etwas mit Ihrer Eintstellung zu den Geschehnissen 1945 zu tun hat?

E.K.: Ich glaube, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich denke nicht, dass das einen Einfluss hat. Das ist einfach eine menschliche Werthaltung.

B.: Ist es in Ordnung, wenn wir das Interview mit Ihnen auf den Blog stellen, und dürfen wir Sie namentlich erwähnen?

E.K.: Das ist kein Problem. Das stört mich überhaupt nicht.

B.: Würden Sie, wenn wir im September eine Klassenfahrt nach Rechnitz unternehmen, eine Führung für uns durch die Gemeinde machen?

E.K.: Das ist auch kein Problem, wir müssten nur einen Termin vereinbaren.

B.: Und eine Diskussionsrunde mit einigen Bürgern? Oder eine Umfrage in der Gemeinde?

E.K.: (lacht) Folgende Überlegung: Solche Dinge muss man vorbereiten. Man muss den Ort auch verstehen. Wenn ständig jemand kommt und die Leute etwas fragt, diese sich Zeit nehmen, um zu antworten, und die Gemeinde dann trotzdem wieder in der Presse negativ dargestellt wird, dann werden die Leute irgendwann sauer. Ich weiß nicht, ob Sie den letzten Artikel von Sascha Batthyány gelesen haben… Also, es hat viele Menschen gegeben, die haben sich dazu geäußert, und dann sind sie aber trotzdem immer negativ weggekommen. Das heißt, sowas muss man vernünftig machen. Natürlich ist jetzt, von Seiten der Rechnitzer, ein sehr starkes Misstrauen gegenüber allen, die interviewen, da.

B.: Sie persönlich kommen aber ziemlich positiv weg in diesem Artikel.

E.K.: Naja, ich scheue mich aber auch nicht, meine Meinung immer deutlich zu sagen. Man muss aber auch die anderen Leute verstehen, die wollen sich das eben nicht mehr antun, weil sie sowieso immer verrissen werden.

B.: Und was halten sie von dem Artikel „Grauen von Rechnitz“ im Magazin n# 16 der Süddeutschen Zeitung?

E.K.: (seufzt) Es ist schade. Ich habe relativ lange mit Sascha Batthyány gesprochen. Wir haben gute Verbindungen hergestellt. Das Ergebnis war dann halt eher negativ. Sascha Batthyány hat sich sehr bemüht. Die Menschen hier, mit denen er gesprochen hat, haben eigentlich einen sehr guten Zugang zu ihm gefunden. Aber ich denke, über das Ergebnis kann man streiten. Ich hätte mir mehr erwartet, inhaltlich. Es tut mir weh, dass er soviel Zeit investiert hat, und dass dann doch wenig Ergebnis da ist. Ich denke, dass dieses Thema ein bisschen wissenschaftlicher aufgearbeitet werden muss, und nicht so emotional. Man müsste die Fakten genauer aufarbeiten. Man könnte aus den Interviews der Leute ein tolles Projekt machen, wenn man sie wirklich analysieren würde und nur die Fakten entnimmt um zu sehen, was an Substanz wirklich da ist. Batthyány ist im Artikel zu sehr auf seine Familie bezogen.

B.: Verstehe. Zuletzt noch, Herr Kenyeri… Sie wissen auch nicht, wo die Gräber sind, oder?

E.K.: (lacht) Nein, sonst hätten wir sie schon gefunden. Ich unterstütze die Aufarbeitung dieser Geschichte ja wirklich, und ich möchte, dass die Gräber gefunden werden. Schauen Sie, wenn man nur den Film und die Artikel kennt, dann denkt man, es würde hier verhindert. Ich denke aber, dass jede Grabung von der Gemeinde unterstützt worden ist. Sonst wäre das ja gar nicht möglich gewesen, weil ja immer wieder Grundeigentümer betroffen sind, die dann über die Gemeinde gebeten worden sind, dass man dort graben darf. Man kriegt immer ein falsches Bild, wenn man nur den anderen Teil sieht und nicht weiß, wie sehr die Rechnitzer sich eigentlich dafür engagieren. Das Problem ist mittlerweile, dass keiner mehr wirklich weiß, wo genau das Grab ist. Es gibt ja fast keine Personen mehr, die das noch miterlebt haben. Wenn Sie nach Rechnitz kommen, dann können wir vielleicht Professor Hotwagner besuchen, denn er ist einer der wenigen, der sich wirklich sehr intensiv damit auseinander gesetzt und viele Daten zusammengesetzt hat, und der könnte euch bestimmt auch weiterhelfen. Allerdings ist das Problem, dass, trotz seiner intensiven Suche, man trotzdem nichts findet und irgendwann aufgibt. Außerdem gibt es die wüstesten Vermutungen dazu, zum Beispiel, dass das Grab nicht da war, oder dass die Leichen ausgegraben und verbrannt wurden.

Nachdem ich mich mehrfach bedankt habe und Herr Kenyeri unsere Klasse noch einmal für den Herbst nach Rechnitz eingeladen hat, lege ich, erfreut über dieses erste ziemlich gute verlaufene Interview, auf.

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