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Jelineks Theatertext als Objekt

by - April 26, 2010

Sicher: einen Theatertext kann man, in erster Linie, natürlich lesen. Aber: man kann sich dem Text auch anders nähern. Wie können wir uns dieses laaaangen, sichtlich komplizierten, fast unlesbaren Textes annehmen, um ihn für uns spannend zu machen? Um gleichzeitig Kunst, Literatur und Geschichte zu vereinen?
Wir beschließen kurzerhand, den Text in ein greifbares Objekt zu verwandeln. Wie? Wir starten eine Textkopieraktion. Wir fotokopieren jede Seite und heften, Blatt für Blatt, den Text aneinander, bis eine Rolle entsteht. Eine Textrolle, ein Objekt, das wir anfassen können. Gleichzeitig versuchen wir, bei der Arbeit so wenig wie möglich vom aufgeschriebenen Text zu lesen. Aber ist es möglich, so eine Textrolle zu basteln, ohne einen einzigen Satz des Stücks zu lesen? Wir finden: nein. Jeder Satz, an dem wir versehentlich mit den Augen hängenbleiben, wird aufgeschrieben und hier gepostet.

– „Rechnitz (Würgeengel)“ ; Titel des Stücks
– „Botinnen und Boten, zueinander“ ; Seite 56.
– „Der da hat ein Foto von Gogol, nein, von Gorkij, in seiner Brieftasche. Er ist nicht einer von den Russen, es gibt viele von ihm, sie sind grundsätzlich sehr viele, weil sie nicht so viele Maschinen haben, die ihnen die Arbeit abnehmen können“ ; Seite 59.
– „Wir knallen euch alle ab, die einen früher, die andren später, und jetzt ist keiner mehr da, den wir noch fangen und abknallen müssten.“ Seite 70.
– „Sie als in aller Ruhe in Deutschland, nicht im Sturm, in Ruhe, denn wenn der Deutsche auch dort ist und endlich Ruhe hat und Ruhe auch gibt, dann besteht garantiert keine Gefahr.“ ; Seite 78.
– „Er möchte es neu verteilen. Er möchte alles neu verurteilen. Der Ösi hingegen vergisst immer alles, er vergisst aber nicht, dass er prinzipiell dagegen ist, etwas zu vergessen.“ ; Seite 87.
– “ (…) warum die Arme, die Waffen herumwirbeln,wie eine Majorette, wie ein Major, wenn sie nichts gegen diese Leute, die nackten 180 Leute, in der Hand hätten, die wir davon berichten müssen?“ ; Seite 108.
– “ (…) nur in Ungarn sind sie halt billiger, dort ist der Einsatz für alles, dort ist alles vorläufig noch Kunst zu sammeln und Menschen zu fangen und sich für sie sammeln, wenigstens einmal am Tag, nicht leicht, das alles, aber es geht. Alles geht.“ ; Seite 116.
– „Ich gebe Ihnen schon das Zeichen, aber Sie, geben Sie mir bitte nur ein kleines Zeichen der Ungeduld bitte! Das Zeichen gebe ich. Der Bote denkt bei sich: Muss nicht, was geschehen KANN von allen Dingen, schon einmal geschehen, getan, vorübergelaufen sein?“ ; Seite 142.
– „Das bisschen kümmerliche Beute, Menschenkopf hin, Menschenkopf her, with direct eyes, to death’s other kingdom, was wollen sie, die sind doch längst dort, remember us – if at all – not as lost violent souls, but only as the hollow men, the stuffed men, ach was, keiner erinnert sich, and der scheizer Grenze, spätestens dort, hätte man ihr den Kopf doch sicher weggenommen, man hätte ihn konfisziert.“ ; Seite 157.
– „Ich sag persönlich, wie die nackten Männer, die andren, nicht die Boten, die hatten ja ihren Fahrraddress an, dass ist sogar besser als nackt, das ist mindestens so gut wie nackt, nackt wie diese nackten Männer, gröblichste, handgrob und fußgrob verspottet wurden, ich sah keinen Grund dafür (…)“ ; Seite 166.
– „Solche Wunder können die Menschen, ja, auch die Frau Gräfin und ihre beiden Günstlinge, die Herrn P. und O., ihre Geliebten, hintereinander?, nebeneinander?, egal, die Liebe fragt nicht, sie fragt nicht wohin und wonach, sie fragt nicht nach dem ihren, sie hätte ja keinen Vorteil davon, sie fragt: Wo sind bitte P. und O.? Und wo ist bitte das Klo?“ ; Seite 177.
– „Mehr sage ich nicht, denn in derselben dunklen Kerkernacht hatten sie im Schloss bereits fest die Genossen meiner Reihen, die auch Boten waren, es aber nicht bis zum Bericht geschafft und jetzt mit Gewalt ringen.“ ; Seite 188.
– „Boten alle ab, alles abmontieren.“ ; Seite 195.
– „Eine Jagdhütte in den Bergen.“ ; Seite 195.
– „Blut ist immerhin der Saft des Lebens.“ ; Seite 198.
– „Mit Schlachttieren diskutiert man aber im Allgemeinen nicht. Da hast du Recht. Das überlasse ich also ganz dir.“ ; Seite 200.
– „Dann spricht man den Psalm 23. Der ist schön.“ ; Seite 202.
– „Wird die Stelle irgendwie gekennzeichnet werden? Nein, das wäre wohl zu auffällig.“ ; Seite 202.
– „Und wenn ihr etwas bitten werdet in meinem Namen, so werde ich es nicht tun.“ – letzter Satz des Stücks, Seite 204.

Zur Erklärung: die fettgedruckten Wörter sind die, die der Projektverantwortlichen  beim Arbeiten aufgefallen sind. Hat ein Wort ihren Blick eingefangen, kann sie nicht anders als gleich den ganzen Satz zu lesen.

Oben: Fotos, aufgenommen während des „Klebe-prozesses“ der Textrolle. (Danke Kathy!)

From → Projekte

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