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Besuch der Vorstellung „Rechnitz (Der Würgeengel)“

Pfingstmontag, 24. Mai, heute ist es endlich soweit, wir besuchen die Aufführung von Elfriede Jelineks Stück, die in der Inszenierung von Jossi Wieler bei den Wiener Festwochen gastiert.

Treffpunkt 19h45 vor dem Theater Akzent, gespannt warten wir auf den Einlass (und auf Karim und Samy…). Die Vorstellung beginnt pünktlich, 5 Boten (hervorragend die 5 SchauspielerInnen der Münchner Kammerspiele) erscheinen tänzelnd, sich im Takt der Musik wiegend auf der Bühne und winken komplizenhaft ins Publikum. 5 Boten, die über das Massaker an 180 Juden Bericht erstatten sollen. Dies tun sie mit einer schier unerträglichen Geschwätzigkeit, die mehr verschweigt bzw. verdrängt als offenlegt und vor allem Fragen der Verantwortung und Schuld gar nicht aufkommen lässt. Unerträglich der Kontrast zwischen dem, was sie tun, und dem, was sie dabei sagen. Während sie etwa genüsslich ein Hähnchen verzehren und sich hinterher die fettigen Finger lecken, plaudern sie ganz beiläufig über die unerhörtesten, schrecklichsten Dinge. Jelineks „Sprachorgie“ entlarvt die Ideologie der Herrenmenschen, diese wähnen sich auch am Ende noch über jeden Zweifel erhaben, denn man müsse ja bloß „alles, was war, umschaffen, nein, umschiffen, nein, bis allein unser Wille spricht.“ Und wie der Schauspieler Hans Kremer im anschließenden Gespräch (zusammen mit seiner Kollegin Hildegard Schmahl und der Dramaturgin Julia Lochte) mit uns es ausgedrückt hat: „Jelineks Text ist ein Text mit vielen Falltüren. Dadurch macht sie uns wachsam.“ Um abschließend folgende Botschaft an uns zu richten, in deren Sinn wir auch unser Projekt begreifen:
Seid wachsam! Heute erkennt man sie [die Täter] nämlich nicht mehr an ihren Uniformen, heute sind es smarte Herren in Designer-Anzügen.“

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Elfriedes Sicht der Dinge

Theater bedeutet nicht nur Sprechen auf der Bühne. Deshalb dringen wir in den bildnerischen Bereich vor und gestalten eine Maske, die uns – wenn man sie aufsetzt – hoffentlich die Welt aus der Sicht von Elfriede Jelinek zeigt.

Basismaterialien sind: Eine Soldaten-Gasmaske, eine Taucherbrille, ein Opernglas und ein Fernrohr. Viktoria, unsere „Masken-Bildnerin“, erläutert ihr Konzept wie folgt:

Maske A:
1 – Form: Gasmaske, weil  Jelineks Werk sich auf den Krieg bezieht und um ein ungutes Gefühl im Beobachteten hervorzurufen.
2 – Sicht: Durch Operngläser (?) vergrößert, Jelinek sieht genau hin, sie sieht Vorfälle, die gerne versteckt und vergessen werden wollen, Vergrößerungsgläser zum besseren Durchblick.
3 – Totenkopf: Da sie auf Tabuthemen, Tote bzw. Ermordete hinweist.
4 – Mundschutz: Als Schutz vor Kritik und Hass, die ihr entgegen gebracht werden.
5 – Taschenlampe: Um „Licht ins Dunkel“ zu bringen, um im Dunkeln sehen zu können, sowie als Verweis darauf, dass das Massaker von Rechnitz nachts passiert ist.

Maske B:
1 – Form: Totenkopfähnlich, Verweis auf die Toten von Rechnitz.
2 – Sicht: Durch Lupengläser vergrößert, zum besseren Durchblick, um die Vorfälle in Rechnitz „genauer unter die Lupe nehmen zu können“.
3, 4, 5 – Siehe Maske A.

(Weitere Skizzen und Fotos der „Bastelstunde“ kommen bald, hier ist eine erste Skizze als Vorschau!)

Quellen für Rechnitz (Der Würgeengel)

Elfriede Jelinek nimmt im Stück immer wieder – motivisch oder sprachlich – Bezug auf verschiedene Quellen:


Recherche im Jelinek-Forschungszentrum

An der Uni Wien gibt es ein Forschungszentrum, das sich mit sämtlichen Themen und Arbeiten rund um die Autorin Elfriede Jelinek befasst. Die umfassende und vielfältige Tätigkeit beschreibt die Homepage des Zentrums am treffendsten:

„Das 2004 gegründete Elfriede Jelinek-Forschungszentrum ist eine international vernetzte Forschungs- und Informationsstelle zu Elfriede Jelinek und ihrem Werk. Es dokumentiert Jelineks Arbeiten sowie deren Rezeption, um dadurch eine fundierte Auseinandersetzung zu ermöglichen. Es erstellt laufend ein kommentiertes Gesamtwerkverzeichnis, das auch alle Aufführungen, Übersetzungen, Bearbeitungen und die gesamte Forschungsliteratur beinhaltet. Es baut ein umfassendes Archiv sowie eine Informations- und Kommunikationsplattform auf, erarbeitet Forschungsprojekte und bietet Service-Leistungen für WissenschaftlerInnen, Studierende, SchülerInnen, … Wenn Sie zu Elfriede Jelinek arbeiten, Fragen zu ihren Werken haben oder Materialien benötigen, wenn Sie Kontakte zu anderen WissenschaftlerInnen aufnehmen wollen, Projekte planen oder Kooperationen überlegen, laden wir Sie herzlich ein, sich an uns zu wenden.“ (http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com)

Klingt doch einladend, oder?

Beheimatet ist das Forschungszentrum im Hauptgebäude der Universität Wien, im Erdgeschoß des Instituts für Germanistik: Linker Seiteneingang, durch alle Höfe geradeaus durch, dann steht man direkt davor.  (http://germanistik.univie.ac.at/lageplan/tiefparterre) 1x läuten, und schon ist man drin!

Soundcollage: 180 Gewehrschüsse

Nun ja, 180 Gewehrschüsse sind es zwar nicht geworden, aber ungefähr so stellen wir uns den Ablauf des grauenhaften Abends vor. DAS könnte ein Soldat oder Gestapo-Beamter, der am Massacker aktiv teilgenommen hat, gehört haben: Ein Kreuzfeuer aus Schüssen und Musik. Danke Philipp.

Textcollage: Aus den Niederschriften von Verhören in Wien im April 1946. Nachzulesen in der Publikation „Die endlose Unschuldigkeit“ von Pia Janke, Teresa Kovacs und Christian Schenkermayr, Praesens Verlag Wien, 2009.

Interview mit dem Rechnitzer Bürgermeister

Es ist 10:33 Uhr morgens. Wie vereinbart rufe ich den Bürgermeister von Rechnitz, Herrn Engelbert Kenyeri  (SPÖ), an. Beim zweiten Versuch erreiche ich ihn. Er hebt ab und wünscht mir mit seinem freundlichen südburgenländischen Akzent einen guten Morgen. Nervös, es ist schließlich mein erstes Interview, lege ich meine Fragen bereit und beginne. Das viertelstündige Gespräch verläuft angenehm und ist sehr aufschlussreich. Sind die „ach so verschwiegenen Rechnitzer“ vielleicht doch nicht so stumm, wie wir dachten?

Bevor ich die erste Frage stelle, erkläre ich Herrn Kenyeri, dass ich die Gemeinde keineswegs verurteilen oder beschuldigen möchte: „Wenn ich mich also in der Wortwahl vergreife, dann weisen Sie mich bitte darauf hin. Ich werde dann versuchen, die Frage umzuformulieren.“

Bianca: Guten Morgen, Herr Kenyeri!

Engelbert Kenyeri: Ebenfalls einen guten Morgen.

B.: Sind Sie ein gebürtiger Rechnitzer?

E.K.: Ja, ich bin hier geboren, das ist schon immer meine Gemeinde.

B.: Gut. Das heißt wohl, dass Ihnen die Geschehnisse in der Märznacht 1945 schon lange bekannt sind? Wann haben Sie denn zum ersten Mal davon erfahren?

E.K.: Da muss ich einen Moment nachdenken, das ist schon lange her, ich weiß nicht mehr genau… (er denkt nach) Ich glaube, ich habe in der Schule das erste Mal davon gehört. Ich hatte einen Schuldirektor, der uns da viel davon erzählt hat. Aber wissen Sie, da muss man sich auch dafür interessieren, das ist nicht so wie bei euch in der Schule, wo ihr sowas auch wirklich lernt. Wenn jemand das Interesse für dieses Thema nicht hat, dann  bekommt er das auch nicht mit.

B.: Ich habe auch gelesen, dass Sie immer bei den jährlichen Gedenkfeiern (Anm: von dem Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiativen-Verein RE.F.U.G.I.U.S.  organisiert) dabei sind. Ist es Ihr persönliches Anliegen, dass dieser Teil der Geschichte aufgearbeitet wird, oder nehmen Sie ausschließlich als Repräsentant der Gemeinde daran teil?

E.K.: Nein, das ist schon eine persönliche Geschichte. Ich meine, da muss man auch dazu stehen. Da kann man nicht einfach nur hingehen, weil man die Funktion des Bürgermeisters hat und das dazu gehört. Das war schon vorher mein Anliegen. Das ist mir schon sehr wichtig.

B.: Ihre Gemeinde ist ja derzeit weltweit in aller Munde. Sogar das Süddeutsche Magazin berichtet über das „Schweigen in Rechnitz“. Heutzutage gilt oft: „Wenn man Rechnitz sagt, dann meint man Verdrängen“. Inwiefern trifft denn, Ihrer Meinung nach, dieses wenig positive Image auf die Bevölkerung in Rechnitz zu?

E.K.: Ich denke, der Film (Anm: „Totschweigen“, 1994, von Margareta Heinrich und Eduard Erne) ist die eine Seite, wo die Filmemacher ihre Sichtweise recht drastisch darstellen. Ich kenne auch die meisten anderen Artikel über Rechnitz, und auch wenn die Reporter hier waren, wurde oft nicht gut recherchiert und eine vorgefasste Meinung weiterverbreitet. Das ist eigentlich das Problem mit der ganzen Mediengesellschaft, dass man immer das schreibt, was alle anderen auch schreiben, und selber kaum recherchiert.

B.: Ihrer Meinung nach gibt es also zwei Seiten? Denken Sie nicht, dass es ein gewisses Schweigen in Rechnitz gibt?

E.K.: Naja, man muss ja eines bedenken: Alle Informationen, die im Film, in Litchfields Buch (Anm: „The Thyssen Art Macabre“ von David R Litchfield) und in den Artikeln vorkommen, die kommen eigentlich alle aus der Feder von Professor Hotwagner (Anm: Dr. Josef Hotwagner, Historiker in Rechnitz), der das alles vor Ort recherchiert hat. Die Informationen, soweit sie aufdeckbar und vorhanden sind, kommen also sehr wohl aus unserer Gemeinde.

B.: Wie wollen Sie dem schlechten Image der Gemeinde ein Ende setzen?

E.K.: Ich denke, genauso, wie man Geschichte nicht beeinflussen oder wegdiskutieren kann, kann man ein Image, das man bekommen hat, nicht so einfach beeinflussen. So funktioniert das, glaube ich, nicht.

B.: Verstehe. Eine andere Frage, Herr Kenyeri. Ich habe gelesen, dass Sie Mitglied der SPÖ sind, und frage mich nun, ob Ihre politische Einstellung etwas mit Ihrer Eintstellung zu den Geschehnissen 1945 zu tun hat?

E.K.: Ich glaube, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich denke nicht, dass das einen Einfluss hat. Das ist einfach eine menschliche Werthaltung.

B.: Ist es in Ordnung, wenn wir das Interview mit Ihnen auf den Blog stellen, und dürfen wir Sie namentlich erwähnen?

E.K.: Das ist kein Problem. Das stört mich überhaupt nicht.

B.: Würden Sie, wenn wir im September eine Klassenfahrt nach Rechnitz unternehmen, eine Führung für uns durch die Gemeinde machen?

E.K.: Das ist auch kein Problem, wir müssten nur einen Termin vereinbaren.

B.: Und eine Diskussionsrunde mit einigen Bürgern? Oder eine Umfrage in der Gemeinde?

E.K.: (lacht) Folgende Überlegung: Solche Dinge muss man vorbereiten. Man muss den Ort auch verstehen. Wenn ständig jemand kommt und die Leute etwas fragt, diese sich Zeit nehmen, um zu antworten, und die Gemeinde dann trotzdem wieder in der Presse negativ dargestellt wird, dann werden die Leute irgendwann sauer. Ich weiß nicht, ob Sie den letzten Artikel von Sascha Batthyány gelesen haben… Also, es hat viele Menschen gegeben, die haben sich dazu geäußert, und dann sind sie aber trotzdem immer negativ weggekommen. Das heißt, sowas muss man vernünftig machen. Natürlich ist jetzt, von Seiten der Rechnitzer, ein sehr starkes Misstrauen gegenüber allen, die interviewen, da.

B.: Sie persönlich kommen aber ziemlich positiv weg in diesem Artikel.

E.K.: Naja, ich scheue mich aber auch nicht, meine Meinung immer deutlich zu sagen. Man muss aber auch die anderen Leute verstehen, die wollen sich das eben nicht mehr antun, weil sie sowieso immer verrissen werden.

B.: Und was halten sie von dem Artikel „Grauen von Rechnitz“ im Magazin n# 16 der Süddeutschen Zeitung?

E.K.: (seufzt) Es ist schade. Ich habe relativ lange mit Sascha Batthyány gesprochen. Wir haben gute Verbindungen hergestellt. Das Ergebnis war dann halt eher negativ. Sascha Batthyány hat sich sehr bemüht. Die Menschen hier, mit denen er gesprochen hat, haben eigentlich einen sehr guten Zugang zu ihm gefunden. Aber ich denke, über das Ergebnis kann man streiten. Ich hätte mir mehr erwartet, inhaltlich. Es tut mir weh, dass er soviel Zeit investiert hat, und dass dann doch wenig Ergebnis da ist. Ich denke, dass dieses Thema ein bisschen wissenschaftlicher aufgearbeitet werden muss, und nicht so emotional. Man müsste die Fakten genauer aufarbeiten. Man könnte aus den Interviews der Leute ein tolles Projekt machen, wenn man sie wirklich analysieren würde und nur die Fakten entnimmt um zu sehen, was an Substanz wirklich da ist. Batthyány ist im Artikel zu sehr auf seine Familie bezogen.

B.: Verstehe. Zuletzt noch, Herr Kenyeri… Sie wissen auch nicht, wo die Gräber sind, oder?

E.K.: (lacht) Nein, sonst hätten wir sie schon gefunden. Ich unterstütze die Aufarbeitung dieser Geschichte ja wirklich, und ich möchte, dass die Gräber gefunden werden. Schauen Sie, wenn man nur den Film und die Artikel kennt, dann denkt man, es würde hier verhindert. Ich denke aber, dass jede Grabung von der Gemeinde unterstützt worden ist. Sonst wäre das ja gar nicht möglich gewesen, weil ja immer wieder Grundeigentümer betroffen sind, die dann über die Gemeinde gebeten worden sind, dass man dort graben darf. Man kriegt immer ein falsches Bild, wenn man nur den anderen Teil sieht und nicht weiß, wie sehr die Rechnitzer sich eigentlich dafür engagieren. Das Problem ist mittlerweile, dass keiner mehr wirklich weiß, wo genau das Grab ist. Es gibt ja fast keine Personen mehr, die das noch miterlebt haben. Wenn Sie nach Rechnitz kommen, dann können wir vielleicht Professor Hotwagner besuchen, denn er ist einer der wenigen, der sich wirklich sehr intensiv damit auseinander gesetzt und viele Daten zusammengesetzt hat, und der könnte euch bestimmt auch weiterhelfen. Allerdings ist das Problem, dass, trotz seiner intensiven Suche, man trotzdem nichts findet und irgendwann aufgibt. Außerdem gibt es die wüstesten Vermutungen dazu, zum Beispiel, dass das Grab nicht da war, oder dass die Leichen ausgegraben und verbrannt wurden.

Nachdem ich mich mehrfach bedankt habe und Herr Kenyeri unsere Klasse noch einmal für den Herbst nach Rechnitz eingeladen hat, lege ich, erfreut über dieses erste ziemlich gute verlaufene Interview, auf.

Mit Worten in Schweigen hüllen!

Den Text nicht lesen, sondern mit ihm als Objekt agieren, Teil 2: Unsere Textrolle verwandelt sich im Schulgarten in eine Textbahn und begräbt uns. Nein, sie wickelt uns ein. Oder: Wir verstecken uns. Hinter den Worten. Der Text und wir: Geschwätziges Schweigen. (Die bunten Fotos sind die „Vorbereitung“, die schwarz-weißen das „Endprodukt“).

Jelineks Theatertext als Objekt

Sicher: einen Theatertext kann man, in erster Linie, natürlich lesen. Aber: man kann sich dem Text auch anders nähern. Wie können wir uns dieses laaaangen, sichtlich komplizierten, fast unlesbaren Textes annehmen, um ihn für uns spannend zu machen? Um gleichzeitig Kunst, Literatur und Geschichte zu vereinen?
Wir beschließen kurzerhand, den Text in ein greifbares Objekt zu verwandeln. Wie? Wir starten eine Textkopieraktion. Wir fotokopieren jede Seite und heften, Blatt für Blatt, den Text aneinander, bis eine Rolle entsteht. Eine Textrolle, ein Objekt, das wir anfassen können. Gleichzeitig versuchen wir, bei der Arbeit so wenig wie möglich vom aufgeschriebenen Text zu lesen. Aber ist es möglich, so eine Textrolle zu basteln, ohne einen einzigen Satz des Stücks zu lesen? Wir finden: nein. Jeder Satz, an dem wir versehentlich mit den Augen hängenbleiben, wird aufgeschrieben und hier gepostet.

– „Rechnitz (Würgeengel)“ ; Titel des Stücks
– „Botinnen und Boten, zueinander“ ; Seite 56.
– „Der da hat ein Foto von Gogol, nein, von Gorkij, in seiner Brieftasche. Er ist nicht einer von den Russen, es gibt viele von ihm, sie sind grundsätzlich sehr viele, weil sie nicht so viele Maschinen haben, die ihnen die Arbeit abnehmen können“ ; Seite 59.
– „Wir knallen euch alle ab, die einen früher, die andren später, und jetzt ist keiner mehr da, den wir noch fangen und abknallen müssten.“ Seite 70.
– „Sie als in aller Ruhe in Deutschland, nicht im Sturm, in Ruhe, denn wenn der Deutsche auch dort ist und endlich Ruhe hat und Ruhe auch gibt, dann besteht garantiert keine Gefahr.“ ; Seite 78.
– „Er möchte es neu verteilen. Er möchte alles neu verurteilen. Der Ösi hingegen vergisst immer alles, er vergisst aber nicht, dass er prinzipiell dagegen ist, etwas zu vergessen.“ ; Seite 87.
– “ (…) warum die Arme, die Waffen herumwirbeln,wie eine Majorette, wie ein Major, wenn sie nichts gegen diese Leute, die nackten 180 Leute, in der Hand hätten, die wir davon berichten müssen?“ ; Seite 108.
– “ (…) nur in Ungarn sind sie halt billiger, dort ist der Einsatz für alles, dort ist alles vorläufig noch Kunst zu sammeln und Menschen zu fangen und sich für sie sammeln, wenigstens einmal am Tag, nicht leicht, das alles, aber es geht. Alles geht.“ ; Seite 116.
– „Ich gebe Ihnen schon das Zeichen, aber Sie, geben Sie mir bitte nur ein kleines Zeichen der Ungeduld bitte! Das Zeichen gebe ich. Der Bote denkt bei sich: Muss nicht, was geschehen KANN von allen Dingen, schon einmal geschehen, getan, vorübergelaufen sein?“ ; Seite 142.
– „Das bisschen kümmerliche Beute, Menschenkopf hin, Menschenkopf her, with direct eyes, to death’s other kingdom, was wollen sie, die sind doch längst dort, remember us – if at all – not as lost violent souls, but only as the hollow men, the stuffed men, ach was, keiner erinnert sich, and der scheizer Grenze, spätestens dort, hätte man ihr den Kopf doch sicher weggenommen, man hätte ihn konfisziert.“ ; Seite 157.
– „Ich sag persönlich, wie die nackten Männer, die andren, nicht die Boten, die hatten ja ihren Fahrraddress an, dass ist sogar besser als nackt, das ist mindestens so gut wie nackt, nackt wie diese nackten Männer, gröblichste, handgrob und fußgrob verspottet wurden, ich sah keinen Grund dafür (…)“ ; Seite 166.
– „Solche Wunder können die Menschen, ja, auch die Frau Gräfin und ihre beiden Günstlinge, die Herrn P. und O., ihre Geliebten, hintereinander?, nebeneinander?, egal, die Liebe fragt nicht, sie fragt nicht wohin und wonach, sie fragt nicht nach dem ihren, sie hätte ja keinen Vorteil davon, sie fragt: Wo sind bitte P. und O.? Und wo ist bitte das Klo?“ ; Seite 177.
– „Mehr sage ich nicht, denn in derselben dunklen Kerkernacht hatten sie im Schloss bereits fest die Genossen meiner Reihen, die auch Boten waren, es aber nicht bis zum Bericht geschafft und jetzt mit Gewalt ringen.“ ; Seite 188.
– „Boten alle ab, alles abmontieren.“ ; Seite 195.
– „Eine Jagdhütte in den Bergen.“ ; Seite 195.
– „Blut ist immerhin der Saft des Lebens.“ ; Seite 198.
– „Mit Schlachttieren diskutiert man aber im Allgemeinen nicht. Da hast du Recht. Das überlasse ich also ganz dir.“ ; Seite 200.
– „Dann spricht man den Psalm 23. Der ist schön.“ ; Seite 202.
– „Wird die Stelle irgendwie gekennzeichnet werden? Nein, das wäre wohl zu auffällig.“ ; Seite 202.
– „Und wenn ihr etwas bitten werdet in meinem Namen, so werde ich es nicht tun.“ – letzter Satz des Stücks, Seite 204.

Zur Erklärung: die fettgedruckten Wörter sind die, die der Projektverantwortlichen  beim Arbeiten aufgefallen sind. Hat ein Wort ihren Blick eingefangen, kann sie nicht anders als gleich den ganzen Satz zu lesen.

Oben: Fotos, aufgenommen während des „Klebe-prozesses“ der Textrolle. (Danke Kathy!)

Stimmen aus Rechnitz

Hier dokumentieren wir Telefoninterviews mit den Einwohnern von Rechnitz: Wie gehen sie mit ihrer „Berühmtheit“ um? Was wissen sie über das Massaker von 1945 und was sind sie bereit, darüber zu erzählen? Kennen Sie Elfriede Jelineks Theatertext,was halten sie davon, werden sie sich die Inszenierung der Münchner Kammerspiele bei den Festwochen ansehen?

Warum schweigt Rechnitz?

Um etwas zu verstehen, muss man sich darüber informieren. Kaum einer von uns wusste, bis vor einigen Tagen, wirklich, was damals, 1945, in Rechnitz passiert ist. Ein Zeitungsartikel aus dem Profil, und ein weiterer aus der Presse, halfen uns, besser zu verstehen. Es wurde erklärt, was in dieser Nacht geschah. Und wir erfuhren auch, dass die Rechnitzer, bis heute, zu diesem grauenhaften Massenmord schweigen. Keiner hat was gesehen, keiner weiß etwas. Wir haben unsere Gedanken und Gefühle aufgeschrieben und fragen uns: wieso wird dieser schreckliche Vorfall verschwiegen? Wen oder was fürchten die Rechnitzer so sehr, dass, bis heute, keiner den Mut hat, das Schweigen zu brechen?
Wer versetzt diesen kleinen Ort (siehe Straßenkarte) dermaßen in Schrecken?